Hervorgehoben

Cloud ist nicht per se schlecht

Arbeitsplätze und Serverräume digital souverän zu gestalten, sind in Zeiten von Clouds die täglichen Herausforderungen der Abteilung Zentrale Systeme am RRZE. Im Gespräch erzählen die Abteilungsleiter Sebastian Schmitt und Gregor Longariva, wie sie trotzdem versuchen, unabhängig zu bleiben und warum sie sich demokratische Software wünschen würden.

In eure Bereiche gehören ja zum einen die Infrastruktur, der Serverraum, und zum anderen die Welt der Clients. Fangen wir doch mal mit den Clients, also den Arbeitsplätzen der Nutzenden, an. Wie digital souverän kann man hier werden?

Gregor Longariva: Bei Linux ist die digitale Souveränität verhältnismäßig einfach, weil sehr viel Open-Source-Software ist, die dann auch gegebenenfalls weitergepflegt werden kann. Also ist das Problem da sehr viel kleiner, aber auch da gibt es natürlich Produkte oder Dienstleistungen, die Closed Source (herstellergebundene Software, Anm. d. Red.) sind. Es gibt natürlich die großen Distributoren, wie Red Hat oder Suse, Canonical oder Oracle. Sie bieten alle eine Linux-Distribution an, aber von der ist man nur bedingt abhängig. Da lässt es sich relativ leicht auch in eine andere Distribution wechseln. Also das sehe ich nicht wirklich als Problem. Was die Dienste drumherum betrifft, unterscheidet sich Linux, glaube ich, nicht von Mac oder Windows. Bei Mac ist man von dem alleinigen Hersteller und Entwickler des Betriebssystems, Apple, abhängig. Das ist eine amerikanische Firma. Wenn man sich für Apple entscheidet, dann ist es nun mal so, dass du mit denen im Boot sitzt. Was man Apple zugutehalten muss: Sie machen nachweislich sehr viel für Datenschutz. Auch für die Verschlüsselungen, die sie für die ganzen Apple-Dienste verwenden, hat Apple keine Backdoor-Schlüssel. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, dass man auch den letzten Schlüssel zur iCloud „wegschmeißt“. Damit ist eine Wiederherstellung der iCloud über Apple überhaupt nicht mehr möglich. Das heißt, auch da gäbe es die Möglichkeit, souverän zu werden, was Datenschutz und Integrität betreffen. Von den Diensten her, ist es ein anderes Thema. Im Apple-Bereich legt man sich leider mit einem amerikanischen Unternehmen ins Bett.

Ein Mann mit braunen Haaren und blauer Brille steht in einem Serverraum. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt, lächelt freundlich in die Kamera. Neben ihm stehen Server in Racks. (Foto: Giulia Iannicelli)
Würde gerne wissen, was Windows an Microsoft meldet: Sebastian Schmitt (Foto: Giulia Iannicelli)

Sebastian Schmitt: Tja, bei Windows ist es ähnlich, ich würde es sogar noch ein bisschen härter sehen. Windows ist das Betriebssystem von Microsoft. Microsoft ist ein großer amerikanischer Player an der Stelle. Da legt man sich mit Microsoft ins Bett und ist, was die Entwicklung etc. angeht, Microsoft ein Stück weit ausgeliefert und größtenteils Closed Source unterwegs. Da gibt es mit digitaler Souveränität ein „kleines“ Problem. Solange wir an der FAU Microsoft auf den Clients und teilweise auch auf den Servern brauchen, wird es mit digitaler Souveränität schwierig.

Gerade bei Microsoft ist Office 365 – sprich die Nutzung der Office Suite in der Cloud– ein viel gesagtes Stichwort. Ist das schon das Ende der Fahnenstange oder ist da noch mehr Cloud zu erwarten?

Schmitt: Wir sind bemüht, so wenig Cloud-Dienste wie möglich einzusetzen. Aber ob das immer klappt, da habe ich meine Fragen. Microsoft propagiert die Cloud mit ihren M365-Diensten sehr stark. Und da ist die Frage, wie lange Microsoft noch Betriebssysteme anbietet, die ich ohne direkte Cloud-Anbindung nutzen kann. Das weiß ich nicht. Wir schauen, dass wir unsere Softwareverteilung und die Dienste mit so wenig Cloud-Komponenten „verweben“ wie möglich – egal ob für die FAU oder die von uns mit Software und Diensten versorgten, weiteren Hochschulen. Aber gerade im Lizenzumfeld wird es immer schwieriger bzw. an mancher Stelle geht es auch schon nur mit Cloud. Die aktuelle M365-Office Suite zum Beispiel kann man ohne Cloud-Anbindung nicht mehr lizenzieren. Da geht zumindest lizenztechnisch der Trend eindeutig hin, dass die Firmen wissen wollen, wem die Lizenz zugeordnet ist. Du zahlst nicht pauschal die Lizenz für eine Anzahl an Mitarbeitern, sondern du zahlst sie wirklich auf den User runtergebrochen. Und da sind natürlich Cloud-Dienste sehr komfortabel für die Firmen. Wenn wir der Roadmap von Microsoft nachfolgen wollten, müssten wir mit „Haut und Haaren“ in die Cloud. Da wehre ich mich ein Stück weit. Wie gesagt, manchmal klappt es besser, manchmal weniger gut.

Gäbe es denn Alternativen?

Longariva: Es gibt ja mit Libre- und OpenOffice Alternativen zu M365. Persönlich habe ich kein Problem mit denen zu arbeiten, aber es gibt immer wieder Menschen, die – ich nenne es mal – behaupten, damit können sie nicht arbeiten. Ich sehe das anders, aber es gibt da Widerstände, die ich persönlich nicht verstehe. Man müsste die Gründe vielleicht mal sammeln. Man könnte auch schauen, wie sich manche Länder/Bundesländer/Verwaltungen dazu positioniert haben: Vor vielen, vielen Jahren wollte die Stadtverwaltung München den Linux-Desktop für den normalen Mitarbeitenden etablieren. Das ist letztendlich aufgrund von Lobbyarbeit gescheitert. Auch der bayerische Freistaat bewegt sich im Moment wieder sehr stark in Richtung Microsoft, anstatt – wie andere Bundesländer – in Richtung digitale Souveränität. Ich glaube, da ist viel durch die Lobby und die Politik getrieben. Dagegen kann man sich sehr schwer wehren, weil man nur ein kleines Rädchen ist und verhältnismäßig wenig Einfluss hat.

Sebastian, du hast gerade gesagt: Solange wir Windows im Client-Bereich. Warum „brauchen“ wir das?

Schmitt: Das hakt so ein bisschen an dem ein, was Gregor gerade gesagt hat. Ich glaube, viele sind ihren Windows-Desktop von zu Hause gewöhnt und tun sich deshalb – zumindest gefühlt – schwer, umzusteigen. Ich denke, je technischer du unterwegs bist, desto offener bist du für andere Lösungen und desto leichter tust du dir mit einem Umstieg. Aber es ist immer, am einfachsten, mit dem Gewohnten zu arbeiten. Und zumindest im Client-Bereich ist Microsoft immer noch der „Platzhirsch“. Solange das so ist, gibt es Bereiche an der FAU, in denen es schwierig werden wird, Microsoft gegen Linux, oder ein anderes „Desktop-Look-and-Feel“ (Desktop-Optik, Anm. d. Red.) mit anderen Betriebssystemen auszutauschen. Deshalb glaube ich nicht, dass wir im Desktop-Umfeld schnell von Microsoft loskommen. Zumindest solange wir Anwendungen haben, die auf den Rechnern direkt laufen. Wenn man irgendwann mal dahin kommt, was Marcel im ersten Interview skizziert hat, wird es einfacher: Alle wichtigen Anwendungen laufen nur noch im Browser und ich habe auf meinem Desktop nur einen Browser. Ob ich einen Browser auf Linux, auf Mac, oder auf irgendeinem leichtgewichtigen anderen Betriebssystem starte, ist dann – glaube ich – egal, weil das Look-and-Feel von der Web-Anwendung kommt.

Longariva: Dass man etwas gewöhnt ist, ist ein Problem, aber es ist auch so, dass man spezielle Software-Produkte gar nicht anders kriegt. Das heißt, du musst Windows verwenden. Also, wenn es nur um normale Office-Anwendungen geht, sowas wie Texte schreiben, Tabellen-Kalkulationen, E-Mails, solche Sachen, dann kannst du das super unter Linux machen. Aber wenn du jetzt ein spezifisches Business-Programm brauchst, das Auswertungen und Maschinensteuerung und sonstige Dinge macht, dann ist der Markt einfach so, dass du die ausschließlich unter Windows kriegst. Es gibt die Produkte schlichtweg nicht.

Schmitt: Und da haben wir wieder den Zirkelschluss. Warum gibt es einen Großteil der Software nur für Windows? Weil Windows der Platzhirsch ist.

Sprich, es ist einfach noch nicht die Zeit, um komplett umzusteigen?

Longariva: Ich weiß nicht, ob sich das auf lange Sicht ändern wird oder ändern kann, aber eine Strategie wäre es, durch Regulierung, durch Steuerung, durch Eingriff in den Markt vorzugehen. Man sagt dem Hersteller: „Wir haben unser Betriebssystem, basierend zum Beispiel auf Linux, mit einem funktionierenden Desktop und du, Hersteller, musst jetzt, wenn du im europäischen Markt tätig werden willst, dein Produkt für unser Betriebssystem anbieten.“ Das wäre eine Möglichkeit, aber ich glaube, durch nutzergetriebenes Umstellen funktioniert das nicht. Wenn, dann müssten das große Firmen machen und die hängen auch mit Haut und Haaren bei den großen Anbietern. Da sehe ich leider so ein bisschen schwarz.

Ein Mann mit Glatze, grauem Bart und schwarzer Brille schaut freundlich lächelnd in die Kamera. Er trägt einen weißen Kapuzenpulli.
Gregor Longariva wünscht sich demokratische Software (Foto: Corinna Russow/RRZE)

Das heißt, euer Vorgehen wäre auf europäischer oder größerer Ebene angesetzt und beginnt nicht bei den Nutzenden.

Schmitt: Von den Nutzenden her ist das schwierig, weil es, wie Gregor schon sagt, für viele Fachanwendungen aktuell keine Alternativen gibt. Ich glaube, an der Stelle wäre ein erster Schritt zumindest mal, was Unabhängiges zu schaffen. Wenn man die Presse verfolgt, geht es auf europäischer Ebene momentan sogar in diese Richtung. Ein erster Schritt, um vom Betriebssystem der „Big Player“ wegzukommen – der, glaube ich, noch einige Jahre dauern wird.

Longariva: Also diese europäische Idee ist es, eine ganze Arbeitsumgebung, eine komplette Office-Umgebung zu schaffen: Einen Mail-Client, einen Office-Client, Word, Excel, PowerPoint, wie sie von Microsoft heißen, sozusagen eine Suite an Software-Produkten. Da arbeite ich drin, da habe ich meine Daten drinnen liegen, die liegen in Europa, die Anwendungen, die ich habe, sind Open Source. Ich habe damit quasi die Basis für meine tägliche Arbeit, die – von der Sekretärin bis zum Professor – vielleicht jeder nutzen kann. Das ist schon mal ein erster großer Schritt, und damit wäre schon viel gewonnen. Der Rest, also die Spezialanwendungen, müssen dann vielleicht unter Windows weiterlaufen, aber man ist zumindest den dicksten Brocken los, würde ich mal sagen.

Dann wären wir ja zumindest schon mal das Problem mit der Microsoft-Office-Cloud los…

Schmitt: Genau, und ich glaube, für so eine Lösung ist Europa groß genug. Andere Länder machen es vor. Ich habe zum Beispiel neulich gelesen, dass Dänemark die ersten Wahlen ohne Microsoft-Cloud durchgeführt hat. Und diese Daten in der Cloud sind ja auch die Probleme, die – wenn man in Deutschland damit „größer unterwegs“ ist –, immer mit Datenschutz und Gesamtpersonalrat zu großen Diskussionen führen. Insofern gebe ich dir Recht, ja, diesen Punkt hätten wir damit dann umschifft oder eventuell sogar gelöst.

Ihr macht ja gleichzeitig in der Abteilung auch den Spagat zur Infrastruktur. Welche Herausforderungen gibt es da für euch jetzt im Hinblick auf den Serverraum, auf die Betriebssysteme?

Longariva: Ich glaube, da kann man die Abhängigkeit besser steuern. Es gibt durchaus Produkte, die wir verwenden und verwenden könnten, die nicht von großen Herstellern kommen. Wenn wir beispielsweise unsere Speicherlösungen von der Firma NetApp nehmen, dann gibt es da Open-Source-Alternativen. Das macht allerdings alles sehr viel mehr Arbeit. Da ist weniger die Abhängigkeit das Problem, sondern mehr die Menge an Zeit und „Manpower“, die man investieren müsste, um so einen Dienst mit Open-Source-Lösungen nachzubauen. Es gibt tatsächlich andere Stellen, wie zum Beispiel das Microsoft Active Directory (Verzeichnisdienst zur Verwaltung unterschiedlicher Objekte in einem Netzwerk) oder MECM (Microsoft Endpoint Configuration Manager – Pool, aus dem Software installiert wird) oder unseren MDM-Server (Mobile Device Management – Mobilgeräteverwaltung), die amerikanische Produkte sind. Ich sage mal, man kann vielleicht das Active Directory mit freier Software teilweise nachbauen, aber das ist auch wieder sehr aufwendig, sehr viel Handarbeit und nicht nutzerfreundlich. Man müsste da einfach die Leute viel, viel, viel besser schulen. Und das kriegen wir nicht hin.

Sebastian Schmitt ist seit vier Jahren Leiter der Abteilung Zentrale Systeme. Zuvor hat er die Arbeitsgruppe Windows-Systeme geleitet.
Gregor Longariva ist stellvertretender Leiter der Abteilung Zentrale Systeme und zugleich Leiter der Arbeitsgruppe Unix. Hierunter zählt sowohl das Closed-Source-Betriebssystem von Apple, das auf Unix basiert, als auch das Open-Source-Betriebssystem Linux.
Ihr Team kümmert sich täglich um die Versorgung der FAU, UTN und anderer Hochschulen mit den drei Betriebssystemen Windows, Mac und Linux. Dazu zählen auch die Datenspeicherung, deren Backup und das Monitoring. Zugleich sorgen sie für eine optimale und automatisierte Verteilung der Softwareprodukte und bieten Cloud-Dienste, wie die FAUbox oder Compute Cloud an.

Wen genau müsstet ihr besser schulen?

Longariva: Unsere Administratoren und teilweise auch die an den Lehrstühlen. Und, was den erwähnten MDM-Server von uns betrifft: Es gibt keinen, der so viel kann wie dieser. Er bietet so viele Möglichkeiten und auch ein vollständiges Mac-Management. Davon nutzen wir wirklich sehr viele Features. Aber die fangen an, uns in die Cloud zu zwingen. Das heißt, man merkt an verschiedensten Stellen, dass die Hersteller sagen: „Es ist einfacher, ein Produkt zu supporten, das bei uns läuft, auf das die Nutzer oder die Kunden einfach zugreifen, als eine Umgebung beim Nutzer, die wir nicht kennen.“ Ich verstehe, dass es für Hersteller einfacher ist. Für uns aber ist es ein Schritt weg von der Souveränität. Was wir uns an der Stelle wünschen würden, ist, dass diese Dienste außerhalb der USA und abgekapselt von der Muttergesellschaft betrieben würden. Das wäre, zumindest was die Systeme dahinter betrifft, ein Schritt in eine etwas größere Unabhängigkeit. Und was jetzt den erwähnten MDM-Server betrifft: Ich hoffe, dass wir in Gespräche kommen. Da bin ich schon seit einigen Monaten dran. Und vielleicht bringt es ja was. Aber ich fürchte – und da hätte ich starkes Bauchweh –, dass das On-Premises-Produkt (onPrem) früher oder später abgeschaltet wird. Ich habe dann keine Alternative, ich werde dann dazu gezwungen, in die Cloud zu gehen und das tut weh.

Und dann stecken wir in der Cloud ohne Rückfahrschein?

Longariva: Aktuell haben wir keine Alternative. Was eine Alternative sein könnte, wäre vielleicht, mit einem anderen Hersteller ein Produkt zu entwickeln, das dann für uns geht. Aber das ist natürlich keine Sache von ein paar Monaten, sondern eher ein paar Jahren. Das wäre ein Weg, den ich sehr gerne gehen würde. Es kann sein, dass wir in der Zwischenzeit trotzdem migrieren müssen. Aber wir hätten dann die Möglichkeit, wieder rauszugehen, wenn es ein alternatives Produkt gäbe.

Schmitt: Unseren MECM-Server– der in der Konstellation, wie wir ihn momentan verwenden, noch eine onPrem-Lösung ist – pusht Microsoft auch in die Cloud, und das schon seit Jahren. Schon vor etwa fünf Jahren wurde bei einer Microsoft-Veranstaltung das on-Prem-Produkt abgekündigt und totgesagt. Dass das nicht der Fall ist, sieht man jetzt. Es funktioniert immer noch. Nichtsdestotrotz sind die Kollegen auch auf der Suche nach Alternativen und testen hier ebenfalls zusammen mit einer Firma: Die Lösung wäre eine On-Prem-Windows-Software-Verteilung, deren Firma ihren Sitz in Deutschland hat und auch hauptsächlich hier entwickelt wird.

Wie funktioniert das dann?

Schmitt: Das ist ein reines On-Prem-System. Das heißt, da läuft ein Windows-Server drunter. An der Stelle bin ich dann wieder von dem Betriebssystem abhängig, aber ich muss die Cloud nicht nutzen, sondern alle meine Daten liegen auf dem Server, in „meinem“ Serverraum.

Um das nochmal klarzustellen: Was haltet ihr generell von Clouds?

Longariva: Grundsätzlich finde ich Cloud-Dienste jetzt nicht per se schlimm, denn wir bieten im Grunde ja auch Cloud-Dienste für unsere Hochschulen. Die FAUbox, zum Beispiel, ist ja auch eine Form von Cloud oder unsere Compute Cloud. Das Problem ist nur, wer verwaltet sie und wo liegen die Daten? Das sollte man nicht in einen Topf schmeißen. Cloud per se ist nicht schlecht.

Schmitt: Und wer hat die Hoheit darüber?

Die Welt der IT wird an vielen Punkten von großen Playern bespielt, also großen Firmen, die enorme Macht haben und an denen kaum jemand vorbeikommt. Doch eine Abhängigkeit von einigen wenigen Firmen birgt Gefahren. Leicht können Nutzende zum Beispiel in eine Cloud gezwungen werden. Was erst einmal verlockend klingt, weil die Daten immer und überall verfügbar sind, stellt sich bei genauerem Hinschauen als problematisch heraus. Denn meistens liegen die persönlichen Daten plötzlich in den USA oder in anderen Ländern, und es gelten Gesetze, die der normale Nutzer nicht kennt, die aber große Auswirkungen haben können.

Digitale Souveränität wird daher für Institutionen und Individuen immer wichtiger: Dabei geht es darum, die eigenen Daten selbstständig, selbstbestimmt und sicher kontrollieren zu können. Zugleich trägt digitale Unabhängigkeit zu einer resilienten Infrastruktur bei, denn wer nicht von einem großen Player abhängig ist, ist bei einem Ausfall weiterhin arbeitsfähig. Digitale Souveränität ist damit ein Beitrag zu einer sicheren, vertrauensvollen und verfügbaren IT. Gleichzeitig trägt sie auch zu einem wettbewerbsfähigen Markt bei, weil alternative Lösungen zum Beispiel aus dem Bereich der Open-Source-Lösungen gefördert werden.

Und wahrscheinlich auch, was passiert, wenn dieser eine Dienst dann ausfällt?

Longariva: Ja, da hast du absolut recht, aber noch viel schlimmer ist es, und das ist ja auch passiert, wenn der Cloud-Anbieter durch seine Regierung gezwungen wird, direkte Eingriffe zu machen. Zum Beispiel, was den Mitgliedern vom Internationalen Strafgerichtshof passiert ist, dass sie nicht mehr auf ihre Mails zugreifen konnten, weil die USA Sanktionen gegen sie verhängt hatten. Da merkt man die Abhängigkeit und wie sehr da auch jemand sagen kann: „Du machst jetzt das.“ Und dann kann der Anbieter noch so beteuern, es gäbe da keinen Zugriff darauf.

Das Szenario ist aber bei uns nicht möglich, weil wir alles On-Prem betreiben.

Longariva: Nein, das Szenario ist bei uns nicht möglich, weil wir, was Datenspeicher betrifft, bei uns hosten. Das heißt, ja, wir haben unsere Filer und so weiter.

Schmitt: Aber auch bei den großen Playern ist man vor Ausfällen nicht gefeit. Den Fall hatten wir erst. Da ist ein Dienst in der Cloud ausgefallen und bei uns im Support liefen dann die Leitungen heiß. Das war ein Stück weit so nach dem Motto: „Habt ihr da was geändert?“ „Ihr habt uns den Dienst weggenommen!“ – Ich überspitze jetzt etwas. Und dann hat sich herausgestellt, Microsoft hatte einfach ein Problem und war zwar dran, das zu lösen, aber da haben wir dann auch keinen Einfluss mehr darauf, wie lange das dauert, bis es gelöst ist

Da steht aber dann halt nur ein Teil bei uns still und nicht die komplette Uni und alle anderen versorgten Hochschulen.

Schmitt: Genau.

Und wie sieht es bei der Hardware aus?

Schmitt: Was die Hardware angeht, haben wir noch eine Abhängigkeit vom amerikanischen Markt, vom chinesischen Markt etc. Und ich glaube, da kommen wir auf absehbare Zeit nicht raus. Bis ein Server rein in Europa produziert wird, gehen vermutlich noch Jahre ins Land. Präsident Trump hat jetzt verkündet, dass nur noch Router, die komplett in den USA gebaut werden, eine Zulassung kriegen, und scheitert, zumindest wenn ich das in der Presse richtig verfolgt habe, gerade daran, dass es kein Produkt gibt, das diese Anforderungen komplett erfüllt.

Achtet ihr denn beim Einkauf darauf, dass ihr nicht nur Geräte aus den USA oder China bezieht?

Longariva: Wir bedienen uns aus den bayerischen Rahmenverträgen, da gibt es Kriterien, die auch von der Europäischen Union vorgeschrieben sind, an die halten wir uns. Da werden bestimmte Richtlinien wie Umweltaspekte, Kinderarbeit und ganz viele andere Sachen berücksichtigt. Was die Herkunft betrifft, gibt es eine Regelung für Russland und eine Warnung, dass man chinesische Produkte, nicht nehmen sollte. Aber es gibt keine Richtlinie aus europäischer Sicht, um da was zu steuern. Und ehrlich gesagt, wäre das auch relativ schwierig, nachdem es keine Alternativen gibt.

Marcel hat im ersten Teil der Reihe gesagt, dass einige Server auch auf Windows laufen müssen, weil Verwaltungssoftware auf Windows läuft.

Schmitt: Das ist im Prinzip das Gleiche, was wir vorhin bei den Clients hatten. Es gibt genug Softwareprodukte, die einfach einen Windows-Server als Betriebssystem voraussetzen, und ich muss dann die vom Hersteller vorgegebene Plattform darunter nutzen. Dafür gibt es gerade im Verwaltungsbereich – aber nicht nur da – genügend Beispiele.

Ich stelle es mir gerade bei der Planung eines Serverraums oder bei der Umgestaltung sehr schwierig vor, die digitale Souveränität auch entsprechend mitzudenken.

Schmitt: Ja, also der Fisch stinkt immer vom Kopf. Das heißt, solange sich an den Verfahren nichts ändert und die auf Windows-basierte Software gesetzt ist, muss ich die Infrastruktur darunter entsprechend vorhalten. Ich sage mal, wir haben eine Größe, bei der ich jetzt keinen Inselbetrieb mit drei, vier Servern unter Windows machen kann, sondern wir sind mit einer größeren Menge unterwegs. Da brauche ich dann auch die entsprechenden Tools, um das sauber verwalten zu können. Hier gibt es teilweise Alternativen, die wir evaluieren. Aber bei vielen Verwaltungstools landest du dann schnell wieder bei Microsoft-Produkten.

Longariva: Wobei an der Stelle auch spannend ist, dass es tatsächlich auch Softwarehersteller aus Deutschland gibt, die durchaus ihre Server oder ihre Backend-Software auf einem Linux betreiben oder entwickeln könnten, das aber nicht tun, weil man das schon immer so gemacht hat. Wir haben auch Verwaltungssoftware, die auf Windows-Servern läuft, aber nicht müsste, wenn man sie auf ein anderes System portieren würde. Nachdem die Firmen teilweise in Deutschland sitzen, könnte man es forcieren, wenn man mit genügend Druck rangeht. Aber die FAU allein ist dann wiederum zu klein, aber zusammengeschlossen – möglicherweise.

Schmitt: Ein Beispiel aus den USA: Die Firma Veeam von unserem aktuellen Backup-System macht gerade die Rolle rückwärts. Seitdem es die Firma gibt, haben die ihr Backup-Produkt auf Windows aufgebaut. Mit der aktuellen Version bieten sie eine Linux-Version an. Wenn die einen entsprechenden Stabilitätsgrad hat, werden wir wahrscheinlich darauf umstellen. Die werden erst mal weiterhin die Windows-Version pflegen, weil einfach der Großteil ihrer Kundschaft die Windows-Umgebung gewohnt ist, aber sie gehen zumindest jetzt den Weg in Richtung Linux. Es gibt also auch positive Beispiele an der Stelle.

Das ist schön. Aber ich höre raus: Im Endeffekt ist es nicht ganz trivial, einen komplett unabhängigen Serverraum aufzubauen.

Schmitt: Kurze Antwort, ja.

Longariva: Tatsächlich werden wir uns in diesem Jahr mit dem Umzug in das neue Gebäude beschäftigen müssen, und dann nehmen wir mit, dass wir an der einen oder anderen Stelle versuchen, dass zum Beispiel alles auf Betriebssystem A und nicht auf B läuft.

Schmitt: Und wir sind da ja schon auf einem guten Weg. So ist beispielsweise das Verwaltungssystem für unsere Linux-Server, das GLAT, eine komplette Eigenentwicklung. Wir sind im Zuge des Umzugs am Diskutieren und Evaluieren eines Management-Systems. Hierfür schauen wir uns aktuell verschiedene Open-Source-Varianten an. Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir darauf bedacht, uns in der Open-Source-Welt umzuschauen.

Was sollte sich eurer Meinung nach ändern, um so weit wie möglich unabhängig zu werden?

Longariva: Mein größter Wunsch an der Stelle wäre, dass die Entscheider – egal ob es jetzt auf der Politik-, Bundes-, Landes-, Kommunal-, Firmen- oder Universitätsebene ist – Rückgrat zeigen, nicht auf Lobbyisten hereinfallen und sich nicht ständig erzählen lassen, wie viel besser das Produkt von den amerikanischen Anbietern ist.

Schmitt: Ergänzend dazu wäre mein Wunsch auf Deutschland- oder Europaebene, dass es mit der Digitalisierung in Deutschland voran geht und dass da von Anfang an Open Source und digitale Souveränität mitgedacht werden. Klappt bei manchen Bundesländern besser, bei anderen schlechter. Im Windows-Umfeld würde ich mir manchmal wünschen, dass zumindest ich als Administrator bei Windows als Closed-Source-Betriebssystem sauber einstellen kann, wo es „nach Hause telefoniert“ und wo nicht. Das klappt nur so semi gut. Es gibt manche Stellschrauben, die dokumentiert sind, bei denen es heißt: „Wenn du das abdrehst, dann sind wir brav“, aber das muss ich glauben – nachvollziehen und groß monitoren könnte ich vielleicht, aber dafür habe ich meistens die Zeit nicht.
Longariva: Weil du sagtest, Open-Source wäre ein wichtiges Ziel: Ich finde, ein demokratischer Staat sollte eigentlich nur Software nutzen, die demokratisch entstanden ist. Also zum Beispiel der Staat verwendet eine Finanzsoftware, eine Verwaltungssoftware, eine Was-auch-immer-Software, die Open Source ist, wo ich auch als Bürger reinschauen kann und sehe, was da passiert, wo meine Daten landen und so weiter. Das muss auch nicht unbedingt Open Source sein, nur europäisch. Aber grundsätzlich denke ich, dass Software und das, was ein Staat nutzt, demokratisch sein sollte.

 

Vielen Dank für euren Einblick in die Welt der Server und Clients! 

 

Das Thema digitale Unabhängigkeit oder besser bekannt als digitale Souveränität hat in letzter Zeit einen deutlichen Bedeutungsschub erlebt. In dieser Interviewreihe zeigt das RRZE, warum es für ein Universitätsrechenzentrum weit mehr ist als ein vorübergehender Trend und wie das Thema zu einer resilienten IT beiträgt. Alle weiteren Teile:
Teil 1 – Marcel Ritter
Teil 2 – Kathrin Böhm
Teil 3 – Peter Reiß
Teil 4 – Helmut Wünsch

 


Das Gespräch führte Corinna Russow